Fachempfehlung des Beirats für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Versorgung der Stadt Leipzig
Dieses Schreiben ist zur Veröffentlichung freigegeben
Stellungnahme an die Mitglieder des Stadtrates der Stadt Leipzig
Psychosoziale Versorgung stärken, Prävention sichern, Sozialpsychiatrischen Dienst ausbauen
Zentrale Fakten und Handlungsbedarfe
Leipzig ist in den vergangenen zwanzig Jahren um 144.257 Einwohnerinnen und Einwohner gewachsen. Die psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen, sowie der Sozialpsychiatrische Dienst erbringen zentrale Pflichtaufgaben der Gemeindepsychiatrie. Sie konnten hinsichtlich ihrer Leistungsangebote mit dieser Entwicklung personell und strukturell nicht Schritt halten. Der vom Stadtrat beschlossene Psychiatrieplan 2020 sieht grundsätzlich die kontinuierliche Anpassung des Personalbedarfs an das Wachstum der Einwohnerzahlen ebenso die Einhaltung eines Fachkräfteschlüssels von 1:25.000 Einwohner/-innen vor. (Zweiter Kommunaler Psychiatrieplan 2020, S.31, Maßnahme 20.) Dies ist bisher in keinem Jahr erfolgt, trotz des starken Bevölkerungswachstums der letzten Jahre. Damit hat sich die Versorgung kontinuierlich quantitativ verschlechtert. In den psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen fehlen nach aktueller Einschätzung bereits etwa 3–4 Fachkraftstellen. Im Sozialpsychiatrischen Dienst fehlen zusätzlich 1,56 VK Personalstellen, um bestehende Aufgaben fachgerecht erfüllen zu können. Nach aktueller Planung vergrößert sich diese Diskrepanz zwischen Bedarf und vorhandenen Ressourcen noch weiter: Im kommenden Doppelhaushalt fehlen allein 2028 zur Sicherung des Status quo in beiden Angeboten rund – 430.927,00 €.
Parallel nehmen komplexe Hilfebedarfe zu. Kriseninterventionen und aufsuchende Hilfen gewinnen an Bedeutung. Die Unterstützungsverläufe werden vielfältiger und häufiger langfristig.
Die jüngsten, dramatischen Ereignisse in Leipzig und die öffentliche Diskussion um Prävention, Krisenintervention und Sicherheit verdeutlichen zusätzlich die Bedeutung tragfähiger psychosozialer Hilfestrukturen.
Eine fachliche Einordnung ist dabei wesentlich: Die überwiegende Mehrheit psychisch kranker Menschen ist nicht gewalttätig. Psychische Erkrankungen allein erklären Gewalthandlungen nicht. Vielmehr wirken häufig mehrere Risikofaktoren zusammen, etwa soziale Isolation, Wohnungslosigkeit, Suchterkrankungen, fehlende Behandlung, Ausgrenzung und nicht zuletzt ein unzureichender Zugang zu Hilfen.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nachhaltige Gewaltprävention durch Behandlung, Teilhabe und verlässliche Versorgungsstrukturen gelingt. Regionale und vernetzte Hilfesysteme sind wirksamer als einseitige sicherheitspolitische Verschärfungen.(Prävention von Gewalttaten – Positionspapier der DGPPN, www.dgppn.de)
Der Beirat sieht deshalb Handlungsbedarf zur Sicherung und bedarfsgerechten Stärkung bestehender Hilfestrukturen.
Ausgangslage
Leipzig wächst seit Jahren. Mit dem Bevölkerungswachstum und Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur steigen zugleich psychosoziale Belastungen und der Bedarf an psychischer, psychosozialer und sozialräumlicher Unterstützung. Diese Entwicklung zeigt sich in nahezu allen Bereichen der gemeindepsychiatrischen Versorgung.
In Deutschland sind 27,8 % der Erwachsenen Bevölkerung von psychischen Erkrankungen betroffen. (Basisdaten Psychische Erkrankungen – Positionspapier der DGPPN, www.dgppn.de) Die Psychosozialen Kontakt und Beratungsstellen und der Sozialpsychiatrische Dienst versorgen zusammen über 5.000 Menschen im Jahr (2025: 5.300)
Besondere Problemlagen zeigen sich insbesondere bei:
• jungen Menschen mit gestiegenen psychischen Belastungen,
• Menschen mit schweren und chronischen psychischen Erkrankungen,
• Menschen mit Doppeldiagnosen aus psychischer Erkrankung und Sucht,
• wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen,
• Menschen mit komplexen sozialen Problemlagen.
Die psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen sowie der Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi) bilden hierfür zentrale Bestandteile der kommunalen Daseinsvorsorge. Sie verhindern messbar zusätzliche, öffentliche Ausgaben u. a. in medizinischen und sozialen Bereichen und sind damit gesamtgesellschaftlich wirksam.
Sie übernehmen zudem Aufgaben, die weit über Beratung hinausgehen:
• frühe Krisenerkennung
• Krisenintervention
• aufsuchende Hilfen
• Koordination komplexer Hilfen
• Unterstützung von Angehörigen
• Stabilisierung in akuten Belastungssituationen
• Verhinderung von Eskalationen und stationären Behandlungen
Gleichzeitig steigen seit Jahren:
• Fallzahlen
• Komplexität der Problemlagen
• Dauer von Unterstützungsverläufen
• Anforderungen an Netzwerkarbeit
• Kriseninterventionen
Dem steht keine vergleichbare Entwicklung der Finanzierung gegenüber. Die Folge ist eine schleichende, fortschreitende strukturelle Kürzung psychosozialer Versorgung.
Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck
Die jüngsten Ereignisse in Leipzig und die damit verbundene öffentliche Debatte über Prävention, Sicherheit und psychische Gesundheit verdeutlichen erneut, wie wichtig funktionierende, niedrigschwellige und erreichbare Hilfesysteme sind.
Sozialpsychiatrische Dienste und niedrigschwellige psychosoziale Angebote sind Kern kommunaler Prävention.
Der Sozialpsychiatrische Dienst ist häufig die einzige kommunale Institution, die Menschen in schweren Krisen erreicht, bevor stationäre Einweisungen, Polizeieinsätze oder ordnungsrechtliche Maßnahmen notwendig werden. Erreichbare und gemeindenahe psychosoziale Unterstützungsangebote sind wesentliche Voraussetzungen für gesellschaftliche Stabilität und Prävention.
Der Sozialpsychiatrische Dienst und die psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen arbeiten an den Schnittstellen zwischen:
• Gesundheitswesen
• Eingliederungshilfe
• Jugendhilfe
• Suchthilfe
• Wohnungsnotfallhilfe
• Polizei und Ordnungsbehörden
Die Aufgaben des SpDi und die Anforderungen an die Psychosozialen Kontakt und Beratungsstellen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert.
Auch die DGPPN weist auf die Bedeutung ausreichend ausgestatteter Sozialpsychiatrischer Dienste und präventiver Angebote hin.
Der Beirat für Psychiatrie und psychosoziale Versorgung der Stadt Leipzig teilt diese Einschätzung ausdrücklich.
Kommunale Investitionen vermeiden spätere Mehrkosten
Gerade unter Bedingungen knapper kommunaler Haushalte erscheint eine Stärkung psychosozialer Hilfen zunächst als zusätzliche Ausgabe. Fachlich und gesundheitsökonomisch ist jedoch das Gegenteil der Fall. Unzureichende Prävention führt langfristig zu deutlich höheren Folgekosten, beispielsweise durch:
• Stationäre, teilstationäre Krankenhausbehandlungen
• Unterbringungskosten
• Kriseneinsätze der Rettungsdienste
• Polizei- und Ordnungsmaßnahmen
• Wohnungslosigkeit
• Arbeitsunfähigkeit
• dauerhafte Sozialleistungsbezüge
Psychosoziale Prävention ist deshalb nicht nur sozialpolitisch geboten, sondern finanzpolitisch vernünftig.
Kurzfristige Einsparungen bei frühen Hilfen können Kosten in deutlich teurere Systeme verlagern.
Handlungsempfehlungen an den Stadtrat Leipzig
Die psychosoziale Infrastruktur in Leipzig muss sich Der Beirat für Psychiatrie empfiehlt:
1. eine bedarfsgerechte Erhöhung, wie im städtischen Psychiatrieplan festgelegt, der kommunalen Förderung psychosozialer Kontakt- und Beratungsstellen
2. eine verbindliche Anerkennung von Tarif- und Kostenentwicklungen
3. die strukturelle Stärkung und ausreichende personelle Ausstattung des Sozialpsychiatrischen Dienstes
4. zusätzliche Fachkraftstellen im Bereich gemeindepsychiatrischer Versorgung
5. Ausbau aufsuchender und niedrigschwelliger Unterstützungsangebote
6. mehrjährige Planungssicherheit für freie und kommunale Träger
7. Fortschreibung einer langfristigen kommunalen Strategie zur gemeindepsychiatrischen Versorgung
Schlussfolgerung
Psychische Gesundheit ist Teil kommunaler Daseinsvorsorge. Diese Tatsache kann nicht nach der jeweils aktuellen Haushaltslage ausgerichtet werden.
Die Haushaltsentscheidungen für die Jahre 2027 und 2028 werden mit darüber entscheiden, wie belastbar die psychosoziale und sozialpsychiatrische Infrastruktur Leipzigs künftig sein wird.
Fachempfehlung des Beirats für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Versorgung der Stadt Leipzig.
Die Sicherung und Weiterentwicklung psychosozialer Hilfen sowie des Sozialpsychiatrischen Dienstes ist daher nicht allein eine sozialpolitische Aufgabe. Sie trägt zugleich dazu bei, Krisen frühzeitig zu begegnen, gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und langfristig kostenintensivere Folgebelastungen zu vermeiden.
Der Beirat für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Versorgung der Stadt Leipzig
Die Ausfertigung und Verbreitung des Schreibens wurde in der Beiratssitzung vom 17. 06. 2026 von den Mitgliedern mehrheitlich beschlossen.

